Meine Tante Ella konnte mit fast 90 Jahren noch Schillers
Lied von der Glocke und auch viele andere Gedichte freihändig rezitieren. Und wenn man mit ihr einkaufen war, konnte sie zwischendurch immer exakt sagen, für wieviel Geld Waren im Korb lagen. Das war sehr beeindruckend. Die war fit wien Turnschuh bis ins hohe Alter. Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, aber sie hat so gut wie nie ferngesehen. Als ich Kind war, hatte sie gar kein Gerät und später stand der nur so als Staubfänger rum. Zweimal am Tag hörte sie Nachrichten im Radio. Ansonsten hat sie eigentlich nur gelesen, mehrere Tageszeitungen und Bücher, Bücher, Bücher. Wenn ich ihr so ganz nebenbei von völlig unwichtigen Terminen erzählt habe, hat sie sich die gemerkt und mich, manchmal Monate danach, darauf angesprochen. Sie war quasi ein lebendes Outlook.
Ich versuche jedes Jahr zu Ostern, den Osterspaziergang aus dem Gedächtnis aufzusagen, schaffe es aber nie, immer nur bis "aus dem Druck von Giebeln und Dächern". Und den habe ich definitiv in der Schule gelernt. Ich kann mir auch keinerlei Termine merken, nichtmal Geburtstage von Menschen, die mir nahe stehen. Ohne Kalender und ohne Internet wäre ich hilflos.
Das kann durchaus daran liegen, dass ich ansich dämlicher bin als Tante Ella. Aber es kann auch daran liegen, dass mein Gehirn weniger auf das Abspeichern von Daten und Fakten konditioniert ist. Probleme gibt es, wenn beispielsweise mein Outlook den Geist aufgibt. Sämtliche Geburtstage wären weg. Ich vermute auch, dass es Tante Ella leichter gefallen ist, sich Neues anzueignen, weil mehr Altes präsent war. Neue Informationen nutzen ja die vorhandenen Synapsen. Und je mehr man hat, umso einfacher kann Neues verarbeitet werden.
Zum Alkohol... Tante Ella hatte immer Pikkolöchen im Kühlschrank und auch ne Pulle Korn im Buffet. Sekt ist anregend für Kreislauf und Gehirn, so Tante Ella, und Korn ist gerade im Winter gut
